Interview WMG - Herr Dipl. Ing. Beigelbeck

 

 

In der Interviewreihe des JTC sind wir zum Thema „Industrieinnovationen“ bei der Firma WMG, Walzenmessgeräte GmbH, im Technologiezentrum in Heidenheim bei Herrn Dipl.Ing. Beigelbeck, dem Chef der Firma. Innovationen sind der Motor der Wirtschaft – aber, wie kommen diese zustande? Direkte Informationen sind dazu, besonders für die Jugend, in der heutigen Realität der Betriebe, interessant und zukunftsweisend.


 

Sehr geehrter Herr Beigelbeck, wir freuen uns, am Beispiel Ihrer Firma, Ihren beruflichen Lebenslauf und Ihre Technik-spezialitäten erkunden zu dürfen!

Das ist hier bemerkenswert: Die Erfassung von Form-Fehlern liegt im 1000stel mm-Bereich der Werkstücke, die mehrere Meter lang sind! In Ihrem Aufgabenfeld sind das hochpräzise Instrumente, die Walzenmessgeräte.

 

Welche Voraussetzungen bestimmten Ihre Berufslaufbahn seit Ihrer Schulzeit, bevor Sie zu dieser weitgehend unbekannten Innovationstechnik fanden?

Als Kind spielte ich am liebsten draußen und baute z.B. Pfeil und Bogen, Fallen usw. Ich spiele seit meinem 6. Lebensjahr (bis heute) regelmäßig Waldhorn, in Musikvereinen und Symphonischen Orchestern. Das Hobby Musik war und ist mein wichtigster Ausgleich.

Nach meinem RS-Abschluss entschied ich mich für eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Ich wollte einen Beruf, bei dem man das Ergebnis anfassen kann. Die Praxis stand bei mir immer im Vordergrund.

Nach der Lehrzeit übte ich meinen Beruf als Maschinenschlosser aus. Das Montieren komplexer Verpackungsmaschinen machte mir sehr viel Spaß und ich entwickelte sehr schnell den Wunsch selbst Maschinen zu entwickeln und zu bauen.

Das war der „Startschuss“. Ich entschied mich, über den „zweiten Bildungsweg“, im Anschluss an meinen 20-monatigen Zivildienst, die Fachhochschulreife nachzuholen. Mein fester Wille Ingenieur zu werden gab mir Kraft und Durchhaltevermögen.

 

Ihre Lehrzeit absolvierten Sie also im Sondermaschinenbau, speziell zur Herstellung von Verpackungsmaschinen. Was gab Ihnen diese Ausbildung in  theoretischer und praktischer Hinsicht für Ihre Zukunft mit?

  • Grundkenntnisse der Metallbearbeitung
  • räumliches Denken
  • planen und herstellen
  •  Messtechniken
  • das Verstehen komplizierter Maschinen
  • das „Gefühl“ für Stahl und andere metallische Werkstoffe
  • Maschinenteile zu „be-GREIFEN
  • Wunsch zum Maschinenbaustudium
  • Die Fähigkeit zur Selbstorganisation, Zielstrebigkeit, Eigeninitiative und Durchsetzungsfähigkeit…und noch viel mehr. Insgesamt schaffte die Ausbildung ein gutes Fundament für meine weitere Laufbahn.

 

Ihre Studienzeit an der FH in Aalen hatte ja keinerlei direkten Bezug zu Ihrem jetzigen Beruf – oder doch?

Die ingenieurstechnischen Grundlagen Konstruktion, Festigkeitslehre, Mathematik, Maschinenelemente und Materialkunde sind immer noch die Basis meiner Arbeit.

Leider vermittelte das Studium wenige Kenntnisse über Unternehmensführung und Betriebswirtschaftslehre.

Es gab auch kein Fach „Messtechnik“ in dem Sinne, wie ich es für unsere Produkte benötige.

Am meisten profitiere ich von der sehr soliden, breit angelegten „Grundausbildung“ in Sachen Maschinenbau. Im Beruf ist man dann sowieso gezwungen sich zu spezialisieren.

Um etwas Geld zu verdienen gab ich neben dem Studium Betriebs-Nachhilfeunterricht für Lehrlinge und organisierte Studienausfahrten. Außerdem  war ich als Semestersprecher aktiv.

 

Und nun zu Ihrem Schwerpunkt im Ingenieurberuf: Nach Ihrer Studienzeit wurden Sie bei der Firma PWT eingestellt…

 Ja, und zwar als Produktverantwortlicher für Walzenmessgeräte. PWT steht für „Prüf- und Werkstofftechnik“. Mein erster Arbeitgeber, die PWT GmbH wurde 1996 von der Firma Voith ausgegliedert. Vor der Ausgliederung waren die PWT Mitarbeiter bei Voith in der Abteilung Qualitätssicherung angesiedelt.

Als zusätzliches „Standbein“ erwarb man damals die Fa. Schönthaler, die bereits seit vielen Jahren Walzenmessgeräte herstellte.

Walzenmessgeräte sind Messmittel zur hochgenauen Vermessung der Walzengeometrie von Produktionswalzen.

Rundlauf- und Rundheit, sowie das Walzenprofil sind entscheidende Formeigenschaften, die direkte Auswirkungen auf die Qualität von Produkte haben. Zu den wichtigsten Produkten die durch einen Walzprozess hergestellt werden, zählen  Papier, Aluminium, Folien aus Kunststoff oder Aluminium, Stahl und Verpackungen.

Meine Hauptaufgabe war am Anfang, mir das umfangreiche Wissen und die Erfahrung des von PWT neu erworbenen Geschäftsbereichs  „Walzenmessgeräte“ anzueignen.

Der frühere Geschäftsinhaber unterstützte mich dabei mehrere Jahre. Seitdem entwickelte ich die Messtechnik für Walzen ständig weiter. Einige Innovationen und Alleinstellungs-merkmale sind z.B.:

  • das besonders leichte, mobile Kohlefasermessgerät
  • Das IMD(In-Machine-Measuring-Device) zum Messen von Walzen in der Produktionsanlage
  • Tastspitzen für unterschiedliche Oberflächen (Diamant-  oder auch Teflonbeschichtet)

Mein weltweiter Kundenkreis bedeutet für mich sehr ausgedehnte Reisetätigkeit.

Da die Kunden aus den verschiedenen Branchen Stahl, Aluminium, NE-Metalle, Druck, Lebensmittel, und Papier kommen, muss ich mich immer sehr individuell auf die Anforderungen des jeweiligen Produktes und des Kunden einstellen. Dabei bekomme ich wichtige Impulse zur Weiterentwicklung der Messgeräte.

 

Ihr steiler Berufsaufstieg führte Sie vom Angestellten zu Inhaber im Jahr 2012…

Schon nach wenigen Jahren war die Abteilung „Walzenmessgeräte“ eine Art Firma in der Firma. Ich konnte und musste völlig eigenständig agieren. Ich bin sehr dankbar, dass mein Chef mir das Vertrauen schenkte diesen Bereich in Eigenverantwortung zu entwickeln. Ich erkannte nach etwa fünf bis sechs Jahren, dass sich das Produkt „Walzenmessgeräte“ sehr gut in einem eigenständigen Unternehmen darstellen lässt.

Es vergingen allerdings noch einige Jahre bis ich die Firma WMG GmbH gründen konnte und noch weitere Jahre bis ich die Firma dann zu 100% übernehmen konnte, im Internet unter:

www.walzenmessgeraete.de

Durch die Gründung der WMG GmbH ergaben sich neue Perspektiven. In der eigenen Firma, konnte und musste ich alles frei, nach eigenen Gedanken und Zielen gestalten.

Unsere Produkte werden im High Tech Rahmen ständig weiter entwickelt.

Für die Firma ist mir vor allem wichtig, dass sie sich „gesund“ entwickelt. Das heißt, dass Wachstum nicht schlagartig, übereilt stattfindet, sondern so, dass alle Bereiche die Gelegenheit haben mit zu wachsen.

Die Administration ist für mich als Maschinenbauer von Natur aus ein schwierigeres Thema. Die Technik kommt bei uns immer an erster Stelle! Die Administration muss sich daran ständig neu anpassen.

Als nächstes großes Ziel planen wir den Einstieg in die Modernisierungstechnologien für gebrauchte Walzenschleifmaschinen. Die Möglichkeit unseren Kunden außer den Walzenmessgeräten noch weitere Innovationen in der Walzenfertigung anbieten zu können verbessert unsere Marktposition.

Die zunehmende Automatisierung beim Schleifprozess ist ebenfalls eine Anforderung, der wir mit einer eigenen Steuerung entsprechen können.

Die mit dem Walzenmessgerät erfasste Ist-Geometrie wird mit der theoretischen Soll-Geometrie verglichen und die errechneten Differenzwerte der Steuerung für die automatische Korrektur übermittelt. Der automatisierte Korrektur-Schliff reduziert die Schleifzeit enorm.

Die Entwicklung zu immer mehr Automatisierung erfordert gleichzeitig einen immer höheren Anteil an verschiedensten Messtechniken. Nicht nur die Profilmessung durch unser eigenes Messgerät, sondern auch Größen wie Rauigkeit, Gefüge Zustände, Risse oder Materialeigenschaften müssen in den Schleifprozess einfließen. Die „Datenflut“ wird also ständig größer und damit die erforderliche Rechenleistung.

Da das Herstellen und Schleifen von Walzen ein sehr spezieller Prozess ist und die Einsatzgebiete genau definierbar sind, kann man die Branche gut beobachten. Das heißt aber auch, dass man mit seinen Konkurrenten im internationalen Vergleich steht.

Für die Zukunft der WMG GmbH sehen wir enormes Potenzial, sobald wir in der Lage sind zu unseren Messgeräten eine Steuerung anzubieten. Wir rechnen mit einer Vervierfachung innerhalb der ersten drei Jahre nach Fertigstellung der Steuerung.

Mit dem Messgerät als Solo-Produkt schätzen wir das Wachstumspotential eher als gering ein, auf lange Sicht sogar rückläufig.

Wir versuchen das komplette Know-How, so weit wie möglich, innerhalb der Firma zu belassen.

 

Von Ihren Berufsanfängen an bis zum heutigen Technologiestand begleiten Sie schon immer Zukunftsvisionen für Ihr Unternehmen…

Für die Zukunft sehen wir uns als Anbieter von Komplettlösungen im Bereich Modernisierung von gebrauchten Walzenschleifmaschinen. Vom Weltmarkt streben wir einen Anteil von ca. 5-10% an.

 

Sehr geehrter Herr Beigelbeck! Wir bedanken uns sehr für das Interview!

 

 

 


1.       Foto, ganz am Anfang: Mobiles Walzen-Profil-Messgerät mit elektronischer Messwerterfassung

1.       Foto am Ende (zwei Bediener): Mobiles Walzen-Profil-Messgerät bei einem Kunden in Brasilien

2.       Foto am Ende: Vollautomatisches Online Walzen-Profil-Messgerät - Walze vor dem Schleifen

3.       Foto am Ende: Vollautomatisches Online Walzen-Profil-Messgerät - Messvorgang während des Schleifens.

4.    Foto am Ende: Vollautomatisches Online Walzen-Profil-Messgerät - Messvorgang während des Schleifens.